Löcher in Fliesen bohren – so vermeiden Sie Risse, Bruch und Frust
- Heiko Schulz

- 24. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 7 Tagen
Haben Sie sich auch schon mal geärgert? Der Bohrer läuft durch, die Fliese platzt auf, und aus einem kleinen Loch wird ein großer Ärger. Dabei ist das Bohren in Fliesen kein Hexenwerk – man muss nur wissen, worauf es wirklich ankommt. Die Bohrmaschine ist meistens nicht das Problem. Entscheidend sind die Art der Fliese und das passende Werkzeug. Ich zeige Ihnen Schritt für Schritt, wie es garantiert klappt.

Steingutfliesen – weich im Kern, hart im Nehmen an der Oberfläche
Fliesen aus Steingut haben einen relativ weichen Kern – Fachleute nennen ihn Scherben. Darauf liegt eine dünne, aber sehr harte Glasur. Sie finden diese Fliesen meistens an Wänden, weil sie leichter sind als Bodenfliesen. Für eine solche Bohrung reichen normale Steinbohrer (Widia-Bohrer) aus.
Meine ehrliche Meinung dazu:
Kaufen Sie trotzdem einen scharfen Glas- oder Fliesenbohrer. Der macht das Ansetzen viel einfacher. Ein neuer Bohrer ist Gold wert – eine stumpfe Spitze führt nämlich genau zu dem berüchtigten Verrutschen, das jeder fürchtet.
Der Klassiker-Trick, der immer funktioniert:
Kleben Sie an die vorgesehene Stelle einfach zwei bis drei Lagen Malerkrepp. Das gibt dem Bohrer Halt, verhindert Kratzer auf der Glasur und schützt die Fliese vor dem Ausbrechen.
Schritt-für-Schritt-Anleitung für Steingutfliesen
Die Bohrstelle exakt anzeichnen – am besten mit einem wasserfesten Stift.
Einen kleinen Bohrer (4 mm) nehmen und vorsichtig eine nur 2–3 mm tiefe Führungsbohrung machen. Das durchsticht die harte Glasur.
Jetzt mit dem passenden Bohrer auf die gewünschte Endtiefe gehen.
Wichtig, das unterschätzen viele:
Arbeiten Sie ausnahmslos ohne Schlagwerk. Sonst ist die Fliese häufig hinüber.
Außerdem: wenig Druck, niedrige Drehzahl. Sonst brennt Ihnen der Bohrer durch, bevor Sie überhaupt richtig angefangen haben.
Steinzeug und Feinsteinzeug – die harten Brocken
Jetzt wird es spannend. Steinzeugfliesen sind dichter, härter und in der Regel gut 10 Millimeter dick. Früher gab es sie fast nur am Boden, heute sieht man sie immer öfter an modernen Wandflächen – im Bad oder auch in der Küche.
Klar, mit einem hochwertigen Steinbohrer kommt man da rein. Aber ehrlich? Das dauert ewig, der Bohrer glüht schnell aus und ist danach meistens Schrott. Wer sauber und ohne Nervenzusammenbruch arbeiten will, kommt an diamantbesetzten Hohlbohrern (Bohrkronen) nicht vorbei. Die gibt es von 4 mm für Dübellöcher bis 70 mm für Steckdosen. Große Kronen setzen Sie übrigens am besten in einen Winkelschleifer, kleinere passen in jede handelsübliche Bohrmaschine oder den Akkuschrauber.
Tipp zur Bohrgeschwindigkeit:
Moderne Trockenbohrkronen sind für den Einsatz ohne Wasser ausgelegt. Dennoch: Bei extrem harten Feinsteinzeugfliesen kann eine kurze Wasserkühlung (Krone zwischendurch kurz ins Wasser tauchen) die Standzeit enorm verlängern. Achten Sie aber darauf, dass Ihre Maschine für den Einsatz mit Wasser geeignet ist (Schutzklasse mindestens IP20).
Schritt-für-Schritt-Anleitung für Steinzeug und Feinsteinzeug
Die Bohrung sorgfältig anzeichnen.
Die Bohrkrone bei niedriger bis mittlerer Drehzahl erstmal leicht schräg ansetzen.
Erst eine kleine Rille in die Glasur schleifen.
Dann langsam in die Senkrechte bringen, bis eine deutliche, umlaufende Rille von ca. 2 mm Tiefe entstanden ist.
Achten Sie unbedingt auf die Drehzahlangabe des Herstellers der Bohrkrone. Im Zweifelsfall bei Feinsteinzeug sollten Sie mit einer geringen Drehzahl arbeiten. Bei Steingut können Sie ruhig etwas schneller bohren, aber auch hier gilt: Weniger ist oft mehr.
Die berühmte Taumelbewegung
Kippen Sie die Bohrkrone während des Bohrens immer wieder leicht in verschiedene Richtungen. Dadurch trägt sie immer nur punktuell Material ab, die Bohrkrone läuft ruhiger, und die Fliese bleibt kalt. Arbeiten Sie mit leichtem Druck – die Krone muss sich quasi durch das Material "beißen" - nicht durchgepresst werden. Eine Bohrung kann je nach Dicke durchaus 5 bis 10 Minuten dauern. Das ist normal, also bewahren Sie Geduld!
Sicherheit geht vor – zwei Dinge, die viele vergessen
Unbedingt zu beachten
Bevor Sie überhaupt den Bohrer in die Hand nehmen: Prüfen Sie die Wand auf Stromleitungen, Wasserrohre oder Bewehrungen! Ein einfaches Leitungsmessgerät kostet nicht viel und kann Sie vor einem bösen Erwachen bewahren.
Tragen Sie außerdem eine Schutzbrille und eine einfache Staubmaske. Gerade beim Trockenbohren von Feinsteinzeug entsteht ein feiner Quarzstaub, den Sie auf keinen Fall einatmen sollten. Das ist kein übertriebener Alarmismus – sondern einfacher
Gesundheitsschutz.
An der Wand? Positionierungshilfe ist Ihr Freund
Wer schon mal schräg in der Wand gebohrt hat, weiß, wie schnell die Krone wegrutscht. Für solche Fälle gibt es Saugnapf-Positionierungshilfen. Die werden fest auf die Fliese gesaugt,
die Bohrkrone geführt – und nichts verrutscht mehr. Viele dieser Helfer haben gleich einen Anschluss für die Staubabsaugung. Das ist Gold wert, denn es spart das lästige Hinterherwischen und schützt gleichzeitig Ihre Atemwege.
Mein dringender Rat – bohren Sie nicht in die Fuge!
Ich weiß, der Gedanke ist verlockend: In der Fuge geht es leichter, das Loch kann man später einfach wieder zuspachteln. Aber ich rate Ihnen dringend davon ab. Die Gefahr, dass die Fliesenkante abbricht oder ein Riss durch die ganze Fliese geht, ist um ein Vielfaches
höher als wenn Sie ein paar Zentimeter weiter in die Fliesenmitte bohren. Vertrauen Sie mir – ich habe schon zu viele kaputte Fliesen nach einem Fugen-Bohrversuch gesehen.
Die 3 häufigsten Fragen – kurz und bündig beantwortet
Welcher Bohrer ist der richtige für meine Fliese?
Für Steingut reicht ein scharfer Steinbohrer, für Steinzeug/Feinsteinzeug muss es eine Diamantbohrkrone sein.
Bohre ich mit oder ohne Schlag?
Ohne Schlag! Immer! Das Schlagwerk zerstört die Glasur und lässt die Fliese brechen.
Wie verhindere ich das Verrutschen?
Malerkrepp aufkleben oder mit einem 4-mm-Bohrer vorsichtig eine kleine Kerbe ankörnen; (ohne Schlag!). Oder investieren Sie in eine Bohrschablone.
Fazit – Sie schaffen das!
Mit dem richtigen Werkzeug, einer guten Portion Geduld und den kleinen Kniffen, die ich Ihnen hier verraten habe, ist das Bohren in Fliesen wirklich kein Problem mehr. Egal ob Steingut oder hartes Feinsteinzeug – Sie haben jetzt das Wissen, um es sauber und sicher zu machen.



